Eine Situation, in der Israel lediglich als "ein Bauer auf dem Schachbrett des globalen Krisenimperialismus" zu erkennen ist beschreibt Robert Kurz im Januar 2009 - fast drei Jahre sind seitdem vergangen. Die mittlerweile eingetretenen, globalen Ereignisse einschließlich derer im Nahen Osten als lediglich eine Facette und herunter gebrochen auf die selektive Sicht deutscher Befindlichkeit; der Tenor dieser schlußendlich fragmentarisch bleibenden Gedanken hier im folgenden Text.
Die unter Umständen, mit Sicherheit notwendige Vorrede:
In einem sehr kleinen Forum, wo Schreiben für mich nach wie vor tabu ist, dessen Besuch durch Diskussionen auf dem Freitag angeregt wurde, welches dann jedoch ob seiner Skurrilität eine gewisse Faszination bei mir erzeugte, in diesem Forum waren und sind sektenhafte Wesenszüge nicht zu übersehen. Zum einen, weil der Forumsbetreiber selbst (bislang noch nicht erlebt) als Troll und Multinick agiert, zum anderen, weil die Handvoll echter Nicks sich diesem Treiben oft gar freudig fügt.
Und inhaltlich? Der beschränkte, inhaltliche Tenor (des Blogbetreibers) ist schnell dargelegt:
1. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns - gegen mich
2. Wer Antisemit ist, das bestimmen wir - bestimme ich
3. Antizionismus wird unter Antisemitismus subsumiert
4. Jeglichem Handeln des Staates Israel wird Absolution erteilt
Was wunder, wenn Godwin's law bei dieser Geisteshaltung, der äußerst begrenzten Sicht auf die Welt nicht weit ist, gar erwartbar hinter der nächsten Diskursecke lauert. Vom "nachgekommenen KZ-Wärter" bis zum "faschistoiden Judenhasser" gehen die flott erteilten Zuschreibungen des Blogherren und seiner multiplen Zombies an blitzschnell erkannte, zu entlarvende Delinquenten, die man "vernichten" bzw. "fertigmachen" müsse; ja dies gar könne!
Leidlich krank? Ok, wohl nicht zu übersehen, aber es gibt einen doch sehr positiven Aspekt. Keiner der Handvoll erkennbar echter Nicks machte sich diese begriffliche Terminologie des Blogherren, des Sektenführers und seiner Zombies zu eigen, ein Teilnehmer opponierte gar; und wurde dann - beinahe erwartbar - der Inquisition durch den Blogherren unterzogen.
Genug eingeleitet, vorgeredet - worum geht es hier?
Mit dem erweiterungsfähigen Thema "Antisemitismus" erst seit Anfang 2011 und angeregt durch Freitagsdiskussionen etwas näher vertraut, so war mir dieses sektenhafte, fundamentalistisch jenseitige Gebaren (primär des multiplen Blogbetreibers) zwar sehr schnell aufgefallen, eine theoretische Fundierung, eine zu verallgemeinernde Basis fehlte (mir) jedoch vorerst. Diese lieferte - und bereits 2003 - der im Titel genannte Robert Kurz:
"... hiermit ist der Anfang gemacht worden, mittels inhaltlicher Kritik an den zentralen Theoremen der sog. Antideutschen aufzuzeigen, wie sich durch moralisch-ideologische Instrumentalisierungen eine notwendige Kritik an antisemitischen Denk- und Erscheinungsformen auf ein derartig sektenhafte anti-antisemitische Weltverschwörungstheorie herunterbringen lässt, die ihrerseits den Antisemitismus infam instrumentalisiert und damit auch verharmlost, ohne es selbst zu merken."
Und abschließend:
Es geht darum, eine weitgehend immanente Kritik zu leisten und die Quellen der antideutschen Ideologie in bürgerlichen Diskursen und in den Verkürzungen des Arbeiterbewegungsmarxismus aufzudecken. Ich für meinen Teil bin nun mit den Antideutschen fertig.
Robert Kurz, August 2003
Nun möge hier keinerlei gesamthafte Würdigung des einerseits anerkannten, andererseits doch auch kontrovers diskutierten Autors stattfinden. Dies wäre mir - zugegeben - mangels fehlender Grundierung zum Werk von Robert Kurz auch nicht möglich. Es geht hier primär um einen Beitrag aus 2009, den der oben erwähnte Sektenguru (vermutlich als Alibi, wegen dem "anderen" Robert Kurz) in sein Forum einstellte. Wobei dieser kommentarlose copy&paste-Text bislang lediglich durch zwei bekannte Wiedergänger und primär ebenfalls im Stile eines copy&paste ergänzt wurde, darüber hinaus (erwartbar) bislang ohne weitere, ersichtlich ernsthafte Reaktion oder gar Reflektion blieb.
Der Krieg gegen die Juden, ein Beitrag von Robert Kurz aus dem Januar 2009 und mit erkennbar globaler Perspektive. Die (nicht zuletzt) seit 2008 offensichtlicher werdenden Widersprüche des nach 1989/90, dem "Ende der Geschichte" beinahe weltweit dominierenden, entfesselten Kapitalismus rufen gerade zu nach neuer, intellektueller Durchdringung. Genau diese Perspektive wollte mein Verständnis dem Text von Robert Kurz entnehmen und das Gelesene, Verstandene möge nunmehr und in meiner Sicht etwas aufbereitet werden. Fünf Ansatzpunkte sind bereits nach dem ersten Querlesen ersichtlich:
- Um Antisemitismus - in welcher begrifflichen Spielart auch immer - und soweit nicht gerade als Herrschaftsinstrument (Moshe Zuckermann) eingesetzt, geht es nur am Rande.
- Auch Robert kurz ist angekommen im Jahr nach der sog. Bankenkrise, dem damit verbundenen, gar notwendigen Blick auf die globale Situation, die (neuen) Herrschafts- und Kräfteverhältnisse.
- Sind mir die sich (seit 2009) erkennbar und weltweit zuspitzenden, gesellschaftspolitischen und sozialen Konflikte in dem Text von Kurz zu stark auf den israelisch-arabischen Konflikt beschränkt.
- Ist die von Kurz erkannte Situation Israels als verlängerter Arm der US-amerikanischen Tea-Party und anderem, eher am rechten Rand zu verortenden Gesindel mittlerweile noch wesentlich deutlicher zu erkennen.
- "Vernichtung", als Begriff auch bei Robert Kurz zu lesen scheint im christlich-abendländischen Sprachgebrauch einer gern hochgehaltenen Leitkultur - nicht zuletzt durch weltweite exterritoriale Kommandoaktionen, durch gezielte Tötungen aus der Distanz befördert - die Niederungen der Praxis erreicht zu haben.
Bereits dieser Titel vom "Krieg gegen die Juden" führt auf ein absolutes Nebengleis, sozusagen einen Nebenkriegsschauplatz. Geht es doch Robert Kurz in diesem Text beinahe ausschließlich um den Staat Israel unter den erkennbar neuen, den sich entwickelnden geopolitischen Verhältnissen, lebt eine Vielzahl der sich zum jüdischen Glauben bekennenden Menschen eben nicht in Israel. Dem Autor wird diese Unschärfe schnell klar, konstatiert er doch via dem richtigstellenden Untertitel "Warum sich die globale Öffentlichkeit in der ökonomischen Krise gegen Israel wendet" den zu benennenden Inhalt. Antisemitismus, gerade als Ausdruck der Feindschaft, der Missachtung von Religion, Glauben, Ethnie, den schon mal angeführten Genen (des Bösen!?) etc. kommt bei Kurz nicht vor, hat in dem gewählten Kontext wohl auch nichts verloren, könnte schlimmstenfalls (und bewußt) negieren, was sich aus globaler Faktenlage seit 2009 bereits weiter entwickelt hat.
Für Robert Kurz, der eine verkürzte Kapitalismuskritik des Arbeiterbewegungsmarxismus bereits früher thematisierte (eine von mir gern aufgenommene Anregung zur Vertiefung), mag die seit 2008 erkennbar werdende Krise sowohl Bestätigung, als auch Ansporn sein. Anregung dahingehend, mögliche Entwicklungszenarien (weiter) zu denken und zu entwickeln. Nicht zuletzt (in meinem Denkhorizont erwähnenswert) mit Blick auf Immanuel Wallerstein, der bereits in den 1970ern und 80ern und beinahe visionär aufzeigte, welche gesellschaftspolitischen Unruhen und Umbrüche in den ersten Dekaden des neuen Jahrhunderts zu erwarten sind. Und Israel in seiner qualitativen und quantitativen Situation wird bestenfalls, um in Wallersteins Begrifflichkeit zu bleiben, als ein Land unter vielen in der (Semi)peripherie existieren. Dem von Robert Kurz so bezeichneten "Doppelcharakter des Staates Israel" kommt dabei eine wesentliche Rolle zu, die natürlich zu diskutieren ist:
"Israel wurde subsumiert unter eine weltpolitische, Konstellation, in der es nie aufging"
Beiträge und Diskussionen im Freitag sind dahingehend oft erhellend, wenn auch mindestens ein Stück weit und erkennbar polarisierend. Bei dieser Sequenz von Kurz musste ich an einen Freitags-Blog, an eigene Einlassungen dort denken, die partiell und zur Illustration eines - zugegeben - überspitzen und möglicherweise provozierenden Weiterdenkens hier angeführt, zitiert sein mögen:
Der neoliberale Musterknabe der USA lebt nicht nur und nicht ewig zwischen Auschwitz und den arabischen Schurkenstaaten.
Damit sollte gesagt, angeregt werden, mal etwas nach vorn zu schauen. Als interessierter Mensch, dennoch ein Aussenstehender, bestenfalls als Deutscher mit der "Gnade der späten Geburt" gesegnet war dieser mein Satz eine provokative Frage, was den nun das Wesen eines finalen, eines modernen Israel werden sollte, eben jenseits der Rolle als Opfer und Täter bis zu (ggf.) einer neuerlichen Apokalypse.
[...] Die einmal mehr hier wortgeklingelte, pseudohistorische Aufarbeitung incl. jedweder Schuldzuweisung scheint mir in hohem Maße Selbstzweck zu sein, so wie eben der Staat Israel, der mangels quantitativer Größenordnungen an Land und Menschen die vorgeblich notwendige, technologische Überlegenheit als Reflektion der Geschichte nun auf alle Ewigkeit als beinahe skurrile Daseinsberechtigung postuliert.
War bzw. ist das Alles? In Ewigkeit?
Aus dem lesenswerten Freitags-Beitrag einschließlich seiner überwiegend sachlichen Diskussion und auf einzelne Akteure bezogen Antisemitismus festzustellen, das sollte einem "gelernten" Antideutschen nicht schwer fallen, mag gar legitim sein aus dieser (Sekten)sicht. Für mein Verständnis ist es genau diese Sorge um die Juden, den Staat Israel, welche viele jüdischstämmige Intellektuelle umtreibt und dem auch ein Robert Kurz sich nicht verweigern mag. Und wenn eben dieser Beobachter dann weiter feststellt,
"Seit dem historisch beispiellosen Finanzkrach im Herbst 2008 dreht sich die globale Konstellation abermals. Jetzt wird deutlich, dass der Zusammenbruch des Staatssozialismus und der nationalen Entwicklungsregimes nur der Vorschein einer großen Krise des Weltmarkts war. Der Neoliberalismus hat abgewirtschaftet und der kapitalistische Weltordnungskrieg wird unfinanzierbar. In dieser Situation zeigt sich, dass Israel immer nur ein Bauer auf dem Schachbrett des globalen Krisenimperialismus war."
so mögen die von Kurz identifizierten Antideutschen den "Schuß" zwar gehört, dennoch in der ihnen innewohnenden dogmatischen Befangenheit nicht wirklich verstanden haben. Avi Primor, immerhin ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland musste - wenn er die weltweit schwindende, die verbleibende Unterstützung der aktuellen Politik Israels betrachtet - sehr resignativ feststellen:
"Und dann noch die Rechtsextremisten und Islamfeinde in aller Welt. Soweit ist es gekommen."
Aus der Kritik am Gebaren Israels, seiner beinahe skurrilen Situation der Daseinsberechtigung als "ein Bauer auf dem Schachbrett des globalen Krisenimperialismus", aus dieser Feststellung eine Befürwortung von Hammas und Hisbollah durch die Kritiker israelischer Politik ableiten zu wollen, ist eher hilflos. Wenn Robert Kurz dahingehend weiter schreibt,
"Tatsächlich nimmt die Hamas genau wie die libanesische Hisbollah 2006 die Bevölkerung als Geisel, indem sie Moscheen in Waffenlager verwandelt und ihre bewaffneten Kader aus Schulen oder Kliniken heraus feuern lässt. Die Weltmeinung übergeht das, weil sie die Hamas bereits als „Ordnungsmacht“ in der sozialen Krise anerkannt hat. Deshalb wendet sich der kapitalistische Pragmatismus bis in die liberale bürgerliche Presse hinein zunehmend gegen die israelische Selbstverteidigung."
so ist dies ebenso wahr und nur aus der Distanz, der globalen Distanz - wenn überhaupt - wird eine auch nur in Ansätzen gerechte Betrachtung zu realisieren sein, sind mögliche Einflußnahmen zu diskutieren, unter vorsichtiger Unterstützung umzusetzen. Der Blick von direkt beteiligten Kontrahenden, aber auch der von (möglicherweise qua Staatsraison, historischer Schuld, jüdischem Wählerpotential etc.) tangierten Sympathisanten ist zwangsläufig mehr oder weniger getrübt.
Ein vorerst letzter Punkt, und in dieser gewählten, begrifflichen Direktheit ist Robert Kurz eindeutig zu widersprechen. Die "Vernichtung" als elementare Bedingung zu postulieren ist jenseitig in jeder denkbaren Form, vollkommen abgesehen von einer auch nur in Ansätzen realistisch - im Sinne bzw. in Erwartung nicht zuletzt von sog. Kollateralschäden - zu bezeichnenden Umsetzung. Dieses:
Gegen den ideologischen Mainstream muss festgestellt werden, dass die Vernichtung von Hamas und Hisbollah eine elementare Bedingung nicht nur für einen prekären kapitalistischen Frieden in Palästina ist, sondern auch für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse. Wenn die Chancen dafür schlecht stehen, stehen sie gut für den Zerfall der Weltgesellschaft in die Barbarisierung.
ist mindestens dreifach falsch. Erstens ist der ideologische Mainstream hierzulande absolut der geltenden Staatsraison verbunden, wird Antisemitismus (und damit als Diffamierungsinstrument gern synonym verwendeter Antizionismus) sehr selektiv einer kleinen Partei und deren Mitgliedern zugeordnet. Zweitens sind gerade die erwähnten "sozialen Verhältnisse" weltweit zur Disposition gestellt im Sinne von Reduzierung auf kleinstem und noch ohne zuviel Repression vermittelbaren gemeinsamen Nenner. Ist drittens dieser Begriff von der "Vernichtung" Ausdruck postmoderner Kanonenbootpolitik und bei "Erfolg" der Ausdruck offener, öffentlich dargebotener Freude einer bekannten Kanzlerin, wo genau diese "Freude" über eine gelungene, exterritoriale Kommandoaktion incl. Bestrafung (Vernichtung eben) und jenseits aller rechtsstaatlicher Prinzipien selbst in den eigenen Reihen als "Mittelalter" verortet wurde.
Ergo: Das "sich gemein machen" mit beinahe jedweder kriminellen Machenschaft im Denken und Handeln ist mittlerweile ebenfalls zur abendländischen Staatsraison mutiert.
Nachtrag 09.02.2012: Alle doof...außer Robert, hier im Blog zu neuen Texten von Robert Kurz
Nachtrag 29.02.2012: Passiver Widerstand - Die Gewalt der Subtraktion, thematisch Weiterführendes hier im Blog

Die Kindermörder von Gaza
Ein Berliner Lese- und Diskussionskreis der Theoriezeitschrift Exit gründete sich in 2008, wobei primär die Rezeption ausgewählter Texte eben dieser Zeitschrift auf der Tagesordnung steht. Einer der wichtigsten Autoren von "Exit" ist Robert Kurz und gestern (26.10.2011) stand ein Text aus dem Heft 6/2009 auf dem Programm, ergänzt durch einen dahingehend kritischen Blick auf den Autor.
"Die Kindermörder von Gaza", im Internet als freier Text nicht verfügbar (mir daher vorab nicht bekannt) wird jedoch begleitet durch zwei Leseempfehlungen, von denen eine ("Der Krieg gegen die Juden") bereits hier im Blogbeitrag ausführlich zitiert wird. Der andere, längere Text ist eine umfangreiche Replik von Reinhart Pablo Esch eben genau auf den Kindermördertext, diese Polemik von Robert Kurz. Und die Replik von Esch kommt weniger polemisch, beinahe explizit sachlich daher. Obwohl der Ausgangstext vorab von mir nicht gelesen wurde, so kam er mir dann gestern beim Vortragen (Vorlesen) genau wegen der bereits durchgearbeiteten Replik nun sehr bekannt vor. Gerade Pablo Esch hebt ab auf die Wandlung von Kurz, vom Erkennen und Zurückweisen antideutscher Ideologie (2004, oben im Blog verlinkt) bis zum beinahe bedingungslosen Verteidiger jeglichen Handelns des Staates Israel; in gewissen Ausprägungen genau diese, Jahre zuvor kritisierte antideutsche Denkweise. Und so liest sich dann auch der "Kindermörder-Text". Adressiert an eine "Deutsche Linke", denen Kurz provozierend deutlich macht, welche unbewußten, negativen Wesenszüge einem Großteil genau dieser Linken innewohnen. Der Autor hat mich also - um es ebenfalls polemisch zu sagen - erkannt, entlarvt, holt gar noch zu enem großen Rundum-Schlag aus; die Verallgemeinerung, eine billige Pauschalisierung ist beinahe das Credo.
Die gestern Abend vorherrschende Atmosphäre war angenehm locker, insgesamt sieben Teilnehmer anwesend. Eine junge Frau war ebenfalls dabei und die Gruppe vom Alter ansonsten durchaus sehr heterogen besetzt. Werde dort also das Kontaktformular ausfüllen, mich in die Mailingliste eintragen und bei für mich interessant erscheinenden Themen gern erneut an einem dieser Lese- und Diskussionsabenden teilnehmen.
Der Begriff vom Antideutschen
Vielleicht noch zur Verdeutlichung:
Nicht zuletzt wegen der "Wende" von Robert Kurz in seiner Sicht auf die Antideutschen ist dieser Begriff zunehmend diffus zu betrachten. Pablo Esch geht unter 5. „Das deutsche Syndrom“ näher darauf ein; skurrile Konstellationen können sich da schon mal bilden, wird Adorno en passant zweckentfremdet.
Unter Antisemitismusverdacht "adressiert" werden zunächst einmal "alle Linken" und sehr pauschal, wo doch jeder das "Virus" des Antisemitusmus in sich tragen könnte, unbewußt zumindest; sie/er sollte eben mal nachschauen...
Der Umkehrschluß ist mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso abwegig in der Frage: "Wer ist nun definitiv kein Antisemt", nicht mal ein struktureller, ein unbewußter Judenhasser? Was zeichnet eine derartige (edle) Geisteshaltung aus, wo sind konkrete Kriterien, Kategorien der Zuschreibungen zu finden? Auch das bleibt bei Kurz sehr diffus, er spricht zwar vom „Bauer auch dem Schachbrett“, vom Stellvertreterkonflikt, aber wer führt, wer leitet den Bauer? Wer läßt sich vertreten und wie? Dazu gab es auch gestern keine wirkliche Klärung.
Israel rücke in die "Stellvertreterposition für das Kapital überhaupt" ein, nennt Kurz diesen unterstellten Sachverhalt an anderer Stelle im Kindermörder-Text und die antisemitische Ideologie sei gewissermaßen ein "last resort" mit beinahe finaler Zwangsläufigkeit. Das scheint mir dann doch ein Stück weit „oversized“. Selbst wenn sich jemand dahingehend so hyperventilierend gibt wie manche Antideutsche, so kann dieser durchaus Antisemit sein. Als „Stellvertreter“ ist man dann (als Jude) eben ein "nützlicher Idiot", haben Antideutsche mit dem Judentum an sich nicht zwangsläufig etwas gemein, verkommt dieses Gebaren zu purer Ideologie – um hier nochmals auf diesen Text bei JungleWorld zu verweisen.
Was ansonsten weniger bei Kurz als in der Replik von Pablo Esch zu Ausdruck kommt, dies ist in meiner Sicht das grundsätzliche, das (gerade) quantitative Element in Bezug auf antisemitisches Denken in der Gesellschaft. "Antisemitismus als charakteristische ideologische Äußerungsform der westlich-kapitalistischen Bürgerlichkeit" schreibt Esch und im weiteren Text wird klar, dass dieser Rassismus virulent ist, der Fokus sich momentan auf den Islam verschiebt, dort faschistische Tendenzen (neu) entdeckt, das bürgerliche Inventar als Bollwerk gegen die von außen kommende Barbarei mobilisiert. Der sarrazinesk verrohende Mittelschichtler und Bildungsbürger ist in Quantität der aufklärerisch sich gebende Mainstream dieser Entwicklung – meine daraus abgeleitete Interpretation.
Btw. Siedlungsfragen
Es gibt einen Gastbeitrag in der SZ, der neben anderen Aspekten sehr schön heraus arbeitet, warum mittel- und in jedem Falle langfristig eine wie auch immer geartete "große Lösung" beinahe unausweichlich sein wird:
Der Weg zu der Zweistaatenlösung, nämlich Israel und Palästina, wurde durch den exzessiven Bau der jüdischen Siedlungen von allen israelischen Regierungen im wahrsten Sinne des Wortes verbaut.[...]
Israel erkennt weder die Grenzen des UN-Teilungsplans von 1947 an noch die Waffenstillstandslinie von 1949.[...]
Linke wie rechte israelische Regierungen haben seit 1967 durch die Ansiedlung von 500.000 jüdischen Siedlern im Westjordanland und in Ost-Jerusalem eine de facto binationale Realität geschaffen, die eine Zwei-Staaten-Lösung unmöglich macht.
Woraus der Autor dann einen positiven Elfpunkte-Plan ableitet, über dessen Ausgestaltung im Einzelnen natürlich geredet, gestritten werden darf. Die grundlegende Richtung scheint mir jedoch eine der ganz wenigen Optionen, ja Chancen zu sein, aus diesem Teufelskreis des Terrors "irgendwie" heraus zu kommen. Diesen doch sehr asymetrischen Gefangenenaustausch dahingehend als Handlungsaufforderung zu verstehen, das fände ich zielführend.
Schlimmer im Sinne von "die Reihen schließen", eine neue "Koalition der Willigen" zu formen ist dagegen ein Artikel im Tagesspiegel vom heutigen Tage. Spekulativ zwar, und dennoch als Weiterschreibung einer Staatsraison nicht minder bedenklich. Eben keine Chance sondern Instrumentalisierung, wenn sich Israel - und nicht zuletzt durch enen exessiven Siedlungsbau in den besetzten Gebieten - zu einem neuen Apartheid-Staat entwickeln würde.
Gewalt gegen Personen und/oder Sachen?
Legitime Frage, nicht erst seit RAF-Zeiten. Möglicherweise gar "gerechte Kriege?" könnte man dies und ebenfalls fragend ergänzen. Im konkreten Fall sei es die Anregung eines Bloggers zum Text von Robert Kurz:
"Vernichtung von Hamas und Hisbollah meint auch was anderes als Vernichtung von Menschen."
That's all. Weiteres, Substantielles kam bislang nicht und dennoch wurde diese Denkrichtung bereits hier am Ende des Beitrages und zumindest rudimentär aufgegriffen, mag nun gern noch etwas vertieft werden. Aus meiner Sicht gäbe es zwei Handlungsoptionen, welche beide in Konsequenz relativ unrealistisch sind, möglicherweise von großen Kollateralschäden begleitet werden und darüber hinaus beinahe jenseits von Kosten und Terminen sich bewegen.
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1. Die Vernichtung als "Organisationen" einschließlich der Infrastrukturen, der Finanzquellen und schlußendlich der führende Köpfe - also doch Menschen. Diese Variante ist nicht neu, sie wird selektiv und andauernd von Israel und auch von den USA praktiziert, könnte daher lediglich intensiviert werden. Und dieses "Intensivieren in der Fläche", was sowohl geographisch wie auch im Sinne von Unterstützerstaaten und Organisationen zu verstehen wäre muß zwangsläufig die dabei entstehenden Kollateralschäden auf unendliche Höhen treiben. Weltweite "Task Forces", exterritoriale Kommandoaktionen außerhalb aller Rechtsnormen und eine zügig zu bildende, neue "Koalition der Willigen" wären die Begleitmusik; das "Ergebnis" absolut offen, unvorhersehbar.
2. Ein auf lange, sehr lange Zeit und mit hohen Kosten verbundener Einsatz der Weltgemeinschaft unter massiver ziviler und militärischer Einflussnahme, sowohl auf palästinensischem wie auf israelischem Gebiet; Teile der Anrainerstaaten eingeschlossen. Ergo: die Aufgabe der Souveränität aller dort agierenden Parteien, Organisationen und (partiell) Staaten wäre ebenfalls denkbar, zumindest in einer beinahe jenseitigen Theorie. Erwartbar wird keiner der direkt Beteiligten seine Unabhängigkeit aufgeben, Israel aus seiner Position der Stärke heraus am allerwenigsten. Und es gibt nach dem Ende der Geschichte, seit 1989/90 und auf absehbare Zeit lediglich die USA als möglichen "Schutzherren", dessen Präferenzen jedoch absolut einseitig und pro Israel zu sehen sind.
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Keine guten Aussichten also und daher werden wohl die mühsamen, kleinen Lösungen zu Detailfragen weiterhin das Geschehen bestimmen, sich abwechseln mit beiderseitigem Terror. Auf lange Sicht und äußerst spekulativ betrachtet, könnte sich die Weltgemeinschaft natürlich aufraffen eine "große Lösung" im Sinne von (2.) durchzusetzen. Voraussetzung wäre dafür jedoch wohl der Niedergang der USA als Hegemonialmacht, was sich zwar einerseits wirtschaftlich andeutet, aber andererseits ohne neue, ein Gegengewicht schaffende multinationale Strukturen keine wirklich realistische Handlungsoption ergeben wird.
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